Themenspezial

Let’s talk about sex!

Das Geschlecht als Spektrum: Es gibt rund 60 Geschlechtsidentitäten. Welches Geschlecht habe ich? Woher weiß ich das und wer legt das fest? Die Debatte um das Geschlecht ist multidisziplinär, vielschichtig und dynamisch. Wir möchten einen ersten Überblick zu Begriffen rund um das Thema geben.

Wer bin ich? Die Frage nach dem Geschlecht kann unterschiedlich beantwortet werden wie ein Beispiel zeigt:

  • Luca fühlt sich als Frau.
  • Luca verhält sich wie eine Frau.
  • Luca wird als Frau gesehen und behandelt.
  • Luca fühlt sich bisexuell, also von Frauen und Männern sexuell angezogen.
Eine Frage der Perspektive

Welche Antwort man wählt, hängt vom Blickwinkel ab. Als Mensch blicke ich zunächst auf mich selbst, ich habe eine Identität. Teil dieser Identität ist meine Geschlechtsidentität. Diese wird auch als psychisches Geschlecht bezeichnet und äußert sich darin, welcher Gruppe ich mich zuordne. Luca fühlt sich in unserem Beispiel als Frau. Die Bildung der Geschlechtsidentität ist ein über das Leben andauernder Prozess, denn er gehört zu der Frage „Wer bin ich?“. Diese Frage können wir im Laufe unseres Lebens immer wieder neu und anders beantworten.

Wir alle leben nicht auf einsamen Planeten, sondern in einer Gesellschaft. Innerhalb dieser Gesellschaft gibt es eine Einigung der Merkmale, die eine Frau definieren. Unter dem Begriff Frau wird einerseits das biologische Geschlecht verstanden. Damit werden körperliche Merkmale wie Chromosomensätze oder Geschlechtsorgane zusammengefasst. Andererseits verbirgt sich hinter dem Begriff auch ein gesellschaftlich normiertes Konstrukt.  Das heißt, die Erwartung eines geschlechtsspezifischen Verhaltens, Fähigkeiten sowie Einstellungen und Interessen werden zusammengefasst unter dem Begriff Frau. Dieses Konstrukt nennt man soziales Geschlecht oder Geschlechtsrolle und es zeigt den Blickwinkel der Gesellschaft auf eine Person. Dieser Blickwinkel verändert sich ständig. Er ist abhängig von den Individuen innerhalb der Gesellschaft und vom Zeitgeist, also den geltenden sozialen und kulturellen Regeln. In unserem Beispiel verhält sich Luca als Frau, weil sie z.B. Damenmode trägt, gerne Yoga macht und als Erzieherin arbeitet.

Menschen sind soziale Wesen und beziehen sich deshalb auch immer auf die Gesellschaft, die sie umgibt und zu der sie gehören. Das führt dazu, dass eine Person sich nach gewissen Rollenvorstellungen verhält oder auch nicht. Daher gibt es auch den Begriff Geschlechtsrollenidentität. Er beschreibt das Verhalten einer Person, das sich nach dem kulturellen Rollenverständnis richtet und zeigt, zu welchem Geschlecht sich eine Person zugehörig fühlt. In unserem Beispiel könnte es also sein, dass Luca Kleider und Röcke trägt, weil sie weiß, dass die Gesellschaft erwartet, dass Frauen Damenmode tragen und sich auch damit identifiziert.

Im Zusammenhang mit dem Begriff Geschlecht und der Geschlechtsidentität wird häufig auch die sexuelle Orientierung betrachtet. Damit ist gemeint, dass sich eine Person subjektiv z.B. als hetero-, homo-, bi- oder asexuell erlebt und hängt davon ab, wodurch sie erregt wird. Wovon sich eine Person angezogen fühlt und erregt wird, hängt nicht mit ihrem erlebten oder sozialen Geschlecht zusammen.

Im Übrigen ist die Unterscheidung der verschiedenen Bedeutungen von Geschlecht im Englischen etwas leichter, weil es zwei Begriffe gibt, die die unterschiedlichen Bedeutungen markieren: sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht).

Welche Bedeutung hat das Geschlecht in unserem Alltag? 

Das Geschlecht spielt in unserem Alltag immer und überall eine Rolle. Schon im Mutterleib dreht sich vieles um die Frage: weiblich oder männlich!? Kindergärten verteilen – im Sinne der Ausgewogenheit – ihre Plätze nach nach Geschlecht, es gibt Schulen für Jungen und Schulen für Mädchen. Umkleidekabinen und Toiletten sind in Frauen und Männer eingeteilt, auf offiziellen Papieren und Fragebögen wird immer nach dem Geschlecht gefragt. Herbert Grönemeyer singt von Männern und Cindy Lauper weiß: Girls just wanna have fun! Es gibt Mädchenfarben und Farben für Jungs, Frauenfilme und Männerwitze. Unsere Alltag ist nach Geschlecht geordnet.

Männlich oder weiblich – auf diese Frage muss man ständig eine Antwort parat haben und bereit sein, sich zuzuordnen. Besonders nicht-binären Menschen fällt dies oft schwer. Sie fühlen sich keinem dieser beiden Geschlechter zugehörig. Auch mit der Einführung des dritten Geschlechts –divers – hat sich hier nicht viel geändert. Seit wenigen Jahren ist es möglich, sich neben weiblich und männlich, als Geschlecht divers eintragen zu lassen. Aber im Personalausweis ist dies nur mit einem ärztlichen Gutachten möglich und mit vielen psychologischen Gesprächen, Zeit und Aufwand verbunden.  Eine Alternative für nicht-binäre Menschen, ihr diverses Geschlecht deutlich zu machen, ist bestimmte Pronomen zu nutzen oder einen neuen Namen zu wählen.

Wertschätzung und Respekt zeigen!

Gender

Wenn nicht-binäre Personen mit dem falschen Pronomen oder dem falschen Namen angesprochen werden, kann das für sie sehr verletzend sein. Für nicht-binäre Personen gibt es allerdings keine offiziellen Pronomen, die man im Duden finden könnte. Viele nutzen das Pronomen sier für das dritte Geschlecht, das wie si-er ausgesprochen wird. Es gibt aber auch viele weitere Pronomen, die nicht-binäre Personen bevorzugen.

Daher gilt hier eine einfache Regel: offen sein und Personen nach dem gewünschten Pronomen oder dem gewünschten Namen fragen. Das Nachfragen ist nicht peinlich, sondern zeigt Interesse und Anerkennung! Das kann auch ganz einfach in die Kennenlernrunde mit eingebaut werden. Wenn sich jede Person mit den gewünschten Pronomen vorstellt, kann man Missverständnisse einfach direkt aus dem Weg räumen. Oder Ihr gebt auf Namensschildern oder in Videokonferenzen hinter Eurem Namen die Pronomen an, mit denen Ihr gerne angesprochen werden möchten. Damit können wir Wertschätzung und Respekt gegenüber allen Menschen zeigen!

– Sarah Bonk und Carolin Boot

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Skip to content