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Diversify your Bundestag – diesmal richtig?

Klar ist: Das Bewusstsein bei vielen Parteien und Fraktionen, dass es mehr Diversität braucht, steigt. Dahinter steckt vor allem, dass Wähler*innen genau das einfordern. Das Resultat daraus: Zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Bundestags sind zur diesjährigen Bundestagswahl Kandidat*innen aus so diversen Lebensrealitäten angetreten. [1] Das hört sich erst einmal toll an, doch was steckt eigentlich dahinter? Wie zeichnet sich nun die Diversität im Bundestag ab?

Zum ersten Mal ziehen mit Nyke Slawik und Tessa Ganserer (Grüne) in diesem Jahr trans Frauen in den Bundestag ein. Als erste Woman of Colour vertritt Awet Tesfaiesus die Grünen, zwei weitere People of Colour reihen sich mit Armand Zorn und Karamba Diaby von der SPD ein. Und als erste offen bisexuelle Frau hat Ricarda Lang (Grüne) ein Mandat erhalten – u.a. bekannt aus den Interviews der KjG Landesarbeitsgemeinschaft NRW, in denen Kinder Politiker*innen interviewt haben.

Fabian Funke hat sich mit 24 Jahren zum Ziel gesetzt, das Durchschnittsalter im Bundestag zu senken – und es ist ihm gelungen: Er zieht für die SPD als einer der jüngsten Abgeordneten ein. Stephanie Aeffner (Grüne) wurde als eine der ersten Abgeordneten mit einer sichtbaren Behinderung gewählt.

Mit Muhanad Al-Halak (FDP) und Kassem Taher Saleh (Grüne) gibt es in diesem Jahr zwei junge Männer, die mit ihren Familien aus dem Irak nach Deutschland gekommen sind. Sie bringen richtungsweisende Eindrücke und Erfahrungen für künftige politische Diskurse mit. Allerdings ist noch ordentlich Luft nach oben: Nur 38 von rund 700 Abgeordneten haben Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung. „Aber wir sind immer noch weit davon entfernt gesellschaftliche Realitäten zu repräsentieren im Bundestag. Wir haben 26 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung.“ – so Hakan Demir (SPD) im Interview mit Deutschlandfunk.[2]

Ein großer Kritikpunkt tut sich nicht zuletzt in der Berufsausbildung im Bundestag auf: 82 Prozent der Abgeordneten haben studiert – im Wahlvolk sind es hingegen 18,5 Prozent.[3] Und auch der Anteil von Frauen zeichnet sich mit rund 30 Prozent nicht realitätsgetreu ab.[4]

Das große Problem bei einer Verteilung von Menschen im Bundestag, die nicht die Gesellschaft abbilden, ist, dass Interessen oft nicht vertreten werden können, weil das Bewusstsein für Probleme in Lebensrealitäten fehlt. So wird bspw. über eine Kinder- und Jugendpolitik entschieden, ohne Kinder und Jugendliche als Expert*innen zu befragen. Gleichzeitig werden Entscheidungen über Sozialhilfe getroffen, die nicht mit Menschen, die das unmittelbar betrifft, abgestimmt sind. Die logische Konsequenz hiervon ist Unzufriedenheit.

Wir sehen also, es gibt an ganz vielen Stellen noch Luft nach oben – in jedem der Querschnittbereiche, die Diversität ausmachen: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit, People of Colour, Migrations- oder Fluchtgeschichte, Teilhabe für Menschen mit Behinderung und auch im Bereich Bildung. Expert*innen aus jedem dieser Bereiche gibt es zweifelsohne. Dennoch können wir auch auf die Erfolge einzelner Personen schauen und uns freuen, dass wir mit diesem Bundestag ein Stück mehr Diversität gewählt haben.

-Ina Neumann

 

 

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