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Bleibt alles anders!? Eine Diskussion über Traditionen

Sind Traditionen der Kleber, der die Gesellschaft zusammenhält oder sind sie überflüssig und ein alter Hut? Haben Tradition noch Zukunft? Diese Fragen stellen sich Leo Kottmann und Kai Regener.

Das Erfüllen der Form –  der Nutzen der Tradition

Pfingsten: Pfingstfeuer, Familienabend oder Pfingstlager der eigenen KjG-Pfarrei. Es gibt reihenweise Traditionen an Pfingsten, denen die meisten gar nicht mehr folgen können. Doch nicht nur an Pfingsten, sondern auch an vielen anderen Tagen des Jahres gibt es zahlreiche Traditionen und Bräuche. Dabei stellt sich jede*r, der*die zum dritten Jahr in Folge zum Kaffee zu den Großeltern fährt die Fragen: Muss eigentlich alles sein wie sonst? Brauchen wir diese ganzen Traditionen überhaupt?

Traditionen bilden Strukturen unserer Gesellschaft ab. Sie sind wiederkehrende Unterbrechung des Alltags. Eine Konstante, von der wir wissen, dass sie uns auch die nächsten Jahre bis Jahrzehnte erhalten sein wird. Die Struktur, die uns durch Traditionen gegeben wird, wird fast immer in Gänze übernommen und nur selten hinterfragt. Ein bekannter Soziologe, der diesem Thema eine eigene These gewidmet hat, ist Ulrich Beck. In seiner Individualisierungsthese beschreibt er den Umstand, dass Menschen an Normen und Traditionen gebunden bleiben. Selbst wenn sich das Individuum aus den ererbten Traditionen der älteren Generationen herauslöst, wird diesem klar, dass die Freiheit, die mit der Herauslösung aus Traditionen einhergeht, eher abschreckt als uns wirklich zu bereichern. Letztendlich kommt jede*r wieder an den Punkt, eigene, neue Traditionen zu erschaffen.

Der Mensch braucht eine gewisse Struktur im Leben. Sie hilft uns, in der chaotischen Welt, in der wir leben, eine vorhersehbare und schöne Abwechslung vom Alltag zu schaffen. Diese Struktur wird maßgeblich durch unsere Traditionen bestimmt. Ob es sich dabei nun um das Pfingstlager oder das Maibaumstellen handelt, spielt dabei eher zweitrangig eine Rolle. Erkennbar ist, dass wir unsere Traditionen brauchen, solange sie uns nicht völlig im Weg stehen. Wichtig ist dabei das Hinterfragen des Bestehenden und das ggf. notwendige Anpassen unserer etablierten Traditionen!

-Leo Kottmann

Das Erfüllen der Form – der Unsinn von Traditionen

Pfingsten – eines der drei langen Wochenenden im Mai und Juni, das einlädt, die Seele baumeln zu lassen oder in den Kurzurlaub zu fahren. Rund um diese Termine haben sich zahlreiche Traditionen gebildet: Bollerwagentouren am Vatertag, Ferienpark-Kurztrips an die niederländische Küste – und als Höhepunkt des Jahres für viele KjG’ler*innen das Pfingstlager mit obligatorischem Fahnenklau, standardisiertem Essensplan und natürlich dem gleichen Wecklied wie in den Jahren zuvor. Gerade im Rheinland wird das Motto „beim ersten Mal ausprobiert, beim zweiten Mal Tradition, beim dritten Mal Brauchtum“ gelebt. Aber warum muss eigentlich immer alles so sein wie immer? Und warum werden diese Traditionen so gefeiert?

Spätestens beim Planungstreffen für die Ferienfreizeit fällt das Argument „das haben wir schon immer so gemacht, und das ist auch gut so“. Dann wird klar, dass es bei tradierten Dingen nicht darum geht, sie zu hinterfragen, sondern sie ungefragt zu übernehmen. Bewährtes in Frage zu stellen, ist besonders schwierig, wenn es schon drei Mal gut funktioniert hat. Dabei geht das Potential für Neues, für Anregung von Außen und für Veränderung verloren. Auch wenn Veränderung nicht zwingend positiv ist – fehlende Veränderung bedeutet dennoch Stillstand. In solchem Fahrwasser findet keine Anpassung an sich verändernde Bedingungen statt. Ausgeschlossen wird so auch, dass ein Zustand besser werden kann.

Das Betonen von Traditionen führt dazu, dass der Rahmen wichtiger wird als der Inhalt. Die eigentliche Idee und der Sinn einer Veranstaltung oder eines Anlasses werden von überbordenden Bräuchen ertränkt. Dafür ist das Weihnachtsfest das beste Beispiel: Zwischen Geschenken, Familienbesuchen, Festgans und Weihnachtskrippe kann die Erinnerung an die Geburt Christi gar nicht durchscheinen. Wenn man etwas nur noch tut, weil man es schon immer so getan hat, verändert sich sein Zweck: Es geht dann nicht mehr um den eigentlichen Gedanken, sondern um das Erfüllen der Form.

Dass Traditionen wichtig sind und der Gemeinschaft gut tut, steht außer Frage. Für mehr Offenheit, mehr Flexibilität und vor allen Dingen mehr Inhalt müssen Traditionen aber überprüft werden – ansonsten überholen sie sich selbst.

-Kai Regener

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