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Der Gender Gap in Medizin und Forschung

Der Mann als Maß aller Dinge – zum Glück heute nicht mehr in allen Bereichen. In der medizinischen Forschung und den Fakultäten wird es jedoch weiterhin so praktiziert: Forschungsgruppen für Universalmedizin bestehen meist nur aus Männern, getestet wird hauptsächlich an männlichen Mäusen und typische Krankheitssymptome und – verläufe sind beim weiblichen Geschlecht häufig noch unbekannt.
Laut einer Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes von 2016 wird geschlechtsspezifische Medizin in Deutschland bislang weder ausreichend noch einheitlich gelehrt.
Symptome

Frauen haben bei vielen Krankheiten andere Symptome als in den Lehrbüchern stehen oder in Ausbildung und Studium unterrichtet werden. Häufig kommt es deshalb zu falschen oder verspäteten Diagnosen. Wie kann das sein? Symptome werden oftmals verharmlost oder als psychische Krankheit abgetan. Gerne wird Frauen in diesen Situationen auch eine Überreaktion oder eine zu hohe Sensibilität unterstellt. Solche Diagnosefehler führen allein in den USA zu 40.000 bis 80.000 Todesfällen pro Jahr . Der Klassiker ist der Herzinfarkt, denn die Symptome unterscheiden sich stark zwischen Frauen und Männern. Die bekannten Symptome wie stechende Schmerzen in der Brust, die in den Arm ziehen, oder ein Gefühl von Enge in der Brust sind fast ausschließlich bei Männern zu beobachten. Wenn Frauen einen Herzinfarkt erleiden, erleiden sie eher Symptome wie Übelkeit, Erschöpfung und Schmerzen im Oberbauch.

Medikamente

Aufgrund von Hormonschwankungen, die die Ergebnisse „verfälschen“ könnten und Spätfolgen bei Schwangerschaften, werden Frauen oft von Medikamententests ausgeschlossen. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Medikamente bei weiblichen Nutzerinnen anders wirken und dass Nebenwirkungen variieren und sogar gefährlicher sein können als bei Männern. Deutlich wurde diese Gefahr vor allem bei Digoxin, das bei Herzproblemen verschrieben wird. Die Daten einer Beobachtung Ende der 1990er-Jahre wurden geschlechtsspezifisch analysiert und man fand heraus, dass es nur bei Männern wirkte. Frauen, die das Medikament verschrieben bekamen, starben deutlich früher an ihren Herzproblemen.  Die Leber spielt hierbei eine große Rolle: Obwohl Frauen oftmals weniger wiegen als Männer und aufgrund ihrer Hormone und Chromosomen eine andere Dosierung benötigen, bekommen sie die Gleiche. Da die Leber bei Frauen kleiner als bei Männern ist, werden die Wirkstoffe langsamer abgebaut. Nicht nur Medikamente, auch Impfstoffe werden bei Frauen durch fehlende Forschung meist überdosiert. Leberschäden werden so wahrscheinlicher. Gefährlich wird es auch bei Schlafmitteln: Studien belegen, dass Frauen, die Schlafmittel einnehmen, am nächsten Tag häufiger einen Verkehrsunfall haben, weil die Dosierung zu hoch war. Mittlerweile gibt es Richtlinien, die besagen, dass auch weibliche Probandinnen in die Testphase eines neuen Medikaments mit einbezogen werden. Allerdings werden diese bislang leider nicht immer umgesetzt.

Autounfälle

Nicht nur in der medizinischen Forschung orientiert man sich am Mann und ignoriert Frauen in der Testphase. Auch in der Automobilindustrie werden bei den meisten Sicherheitstests nur männliche Crash-Test-Dummies eingesetzt – mit einer Größe von 1,75 m und 78 Kilogramm schwer. Anhand dieser Dummies werden Autos und Airbags getestet und für sicher oder unsicher befunden. Frauen sterben häufiger bei Autounfällen. Warum ist das so? Die Sicherheitsvorkehrungen in Autos sowie Air Bags und Nackenstützen sind nicht für weibliche Körper ausgelegt, vor allem nicht für Schwangere. Autounfälle sind eine der häufigsten Todesursache für ungeborene Kinder. Rutscht der Gurt über den Bauch, kann sich bei einem Unfall die Plazenta ablösen. Studien zu diesem Thema gibt es leider kaum. (Quelle: Guardian) Mittlerweile kann man im Internet Anschnallgurte für Schwangere kaufen, um den Bauch bei Unfällen zu schützen. Die Nackenstützen in den neueren Automodellen sind eindeutig sicherer für Männer, leider zum großen Nachteil für Frauen, deren Schutz unter den neuen Stützen leidet. Autos müssen für verschiedene Körpertypen individualisierbar sein, damit alle Fahrer*innen sicher sind. Doch da es dafür momentan noch keine gesetzlichen Vorschriften gibt, können sich die Autohersteller weiterhin am Mann orientieren- am Maß aller Dinge.

-Lena Roppes

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