Themenspezial

Geschlechtergerechtigkeit in der KjG

Geschlechtergerechtigkeit ist ohne Zweifel eines der Kernthemen der KjG und bildet die Grundlage unserer Arbeit. Auch innerhalb des BDKJ, gegenüber der katholischen Amtskirche und in der Gesellschaft allgemein machen wir uns dafür stark. So ist das Thema über die Jahre eine Art Markenzeichen der KjG geworden. 

Alle Standards und die Selbstverständlichkeit, mit der wir Geschlechtergerechtigkeit heute leben, sind aber nicht einfach vom Himmel gefallen bzw. waren schon immer da. Obwohl schon bei der Gründung (aus einem Frauen- und Männerverband) eine gleichberechtigte Gestaltung der KjG ausgehandelt wurde, hat es noch eine ganze Weile gedauert bis die strukturellen Begebenheiten dafür verankert wurden. Im Zuge unseres 50-jährigen Jubiläums wollten wir zurückschauen und haben in der transparent einen Zeitstrahl mit den wichtigsten Meilensteinen auf Bundes- und Diözesanebene erstellt.

Um noch etwas tiefer in die zurückliegende Zeit einzusteigen, habe ich mich mit Annette Müller unterhalten. Sie war von 2005 bis 2009 hauptamtliche Diözesanleiterin und hat sich schon zuvor sehr für Geschlechtergerechtigkeit in der KjG engagiert. Wir haben uns in einer Videokonferenz getroffen, einfach mal drauf losgequatscht und unsere Eindrücke ausgetauscht. Aus der geplanten Stunde wurden schnell zweieinhalb. Worüber wir gesprochen haben, versuche ich im Folgenden ein wenig nachzuerzählen.

zURÜCK ZU DEN aNFäNGEN!

Gleich Annettes Einstieg in die KjG Anfang der 90er Jahre war durch eine positive Erfahrung im Bereich Geschlechtergerechtigkeit geprägt.

„Ich habe nach einer Aufgabe gesucht. Bei der KjG gab es genug Aufgaben und das Coole war, dass es immer genug Leute gab, die einem etwas zugetraut haben. Das war etwas Besonderes, weil man das als Mädchen nicht unbedingt immer so gesagt bekommt. Bei der KjG habe ich genau diese Erfahrung gemacht: Man traut mir etwas zu und es klappt. Mit der Unterstützung von Älteren und durch die Arbeit in Teams konnte ich lernen und wachsen.“

Auf Diözesanebene war Annette dann schwerpunktmäßig im Frauen-AK tätig. Sie hat an vielen Frauenveranstaltungen, wie beispielsweise Frauenabenteuerfreizeiten, teilgenommen und diese später auch selbst geleitet.

„Dem Zeitstrahl würde ich auf jeden Fall noch diese ganzen Bildungsangebote zum Thema Geschlecht ergänzen. Die haben einen ganz großen Anteil, weil dort erst die Bewusstseinsbildung so richtig stattgefunden hat. Wir wollten verlernen, was Mädchen gelernt haben. Wir haben geübt den Mund aufzumachen, politisch zu denken und stark zu sein. Schließlich geht es ja darum, Geschlechterrollen zu erkennen und sie anschließend zu erweitern. Dafür waren diese Veranstaltungen ganz wichtig, davon bin ich überzeugt. Am besten hat mir eine KjG-Veranstaltung gefallen, die speziell für Frauen war, die Interesse daran hatten, Leitungspositionen zu besetzen. Sie hat mich sehr darin bestärkt, in der KjG und auch in meinem weiteren Leben Leitung und Verantwortung zu übernehmen!“

Besonders heiß her ging es dann auf den Diözesankonferenzen 1996. Der zweite Versuch eine geschlechtergetrennte Redeliste, also Redefluss im Reißverschluss, einzuführen, wurde wieder abgeschmettert. Auch die Aufforderung den Frauen gegenüber solidarisch zu sein, denen das helfen würde, und es doch einfach mal auszuprobieren liefen ins Leere. Außerdem wurden ein Konzept für geschlechtsbezogene Arbeit sowie die Umsetzung der Parität in der Satzung diskutiert. Zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen zog sich dabei geradezu ein Graben durch die Delegierten.

„Man hat mit der Haltung zum Thema total polarisiert und es war eine richtige Kampfstimmung spürbar. Aber man musste eben auch dafür kämpfen. Wenn man nicht hartnäckig gewesen wäre, hätte sich wahrscheinlich auch nichts verändert. Die ganze Stimmung war politisch sehr aufgeladen und die Positionen waren sogar ausschlaggebend für Wahlentscheidungen. Die Fronten waren richtig verhärtet und die Diskussionen wurden schnell erbarmungslos. Was man sonst von Konferenzen kennt, über Inhaltliches streiten und später trotzdem gemeinsam ein Bier trinken, war zeitweise kaum mehr möglich.“

Annette hat auch erzählt, dass die beiden Lager sich ganz unabhängig vom Geschlecht gebildet haben. Es war kein Kampf zwischen Männern und Frauen, sondern ein Kampf zwischen einzelnen Regionen. Die Argumente waren dabei die Gleichen, die auch heute noch fallen, wenn über die gesellschaftliche Gleichstellung gesprochen wird: Sowas brauchen wir nicht! Es sind doch alle gleichberechtigt! Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Das Konzept für geschlechtsbezogene Arbeit wurde schließlich mit 20 Gegenstimmen verabschiedet und die Parität in der Satzung – nicht nur für Ämter, sondern auch für Delegationen – mit Widerwillen und durch Druck von Bundesebene festgeschrieben.

„Da wurde zuerst versucht mit Hintertürchen zu arbeiten und argumentiert, dass sich die Regionen ja nicht angemessen vertreten können, wenn sie zu wenig Männer oder Frauen finden. Mein Argument war dann immer, sich doch mal zu fragen, woran das liegt und etwas daran zu verändern. Wenn man ein demokratischer Jugendverband sein will, kann es eben nicht sein, dass in den machtvollen Positionen nur die einen vertreten sind.“

Ich habe Annette erzählt, wie viel vom damals Diskutierten inzwischen selbstverständlich geworden ist und dass wir derzeit daran arbeiten, auch Geschlechtervielfalt in der Satzung zu verankern.

„Geschlechtervielfalt war damals noch kein Thema, das war nicht existent in den Köpfen. Auch mit sexueller Vielfalt war man noch nicht so weit. Das wurde höchstens allgemein im Kontext von Sexualpädagogik mal angeschnitten. Offen über Schwule und Lesben zu sprechen, war da schon revolutionär. Es ist schön zu hören, dass die KjG im Diözesanverband Köln inzwischen sehr stark zum Thema Geschlechtergerechtigkeit aufgestellt ist und dabei auch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt fester Bestandteil sind. Das zeigt, dass etwas davon geblieben ist und die Mühe sich gelohnt hat.“

Und heute?

Um das, was davon geblieben ist, etwas genauer in den Blick zu nehmen, habe ich im Anschluss noch mit einer Frau gesprochen, die sich aktuell in der KjG engagiert. Karla Fieke stammt aus einer Pfarrei in Bonn und ist derzeit als Regionalleiterin aktiv. Ich wollte von ihr wissen, welchen Eindruck sie von Geschlechtergerechtigkeit bei der KjG hat.

„Ich finde persönlich, dass wir als KjG gut darauf achten, geschlechtergerecht zu handeln. Außerdem engagieren wir uns politisch dafür und positionieren uns – mehr und deutlicher als viele andere. Der Weg zur wirklichen Gleichberechtigung aller Geschlechter ist lang und wird sicher noch einige Zeit brauchen, aber ich fühle mich als Frau in der KjG gleichberechtigt. Gut finde ich, dass das Thema seit Jahren in der KjG nicht an Präsenz verloren hat. Ob im Rahmen verschiedener Aktionen, in Artikeln oder bei Konferenzen, es findet immer wieder seinen Platz.“

Eine Sorge, die wir manchmal haben, ist, dass die Beschäftigung mit Geschlechtergerechtigkeit hauptsächlich auf Diözesanebene stattfindet. Wie auch bei anderen politischen Themen fragen wir uns, wie viel davon bis an die Basis auf Pfarreiebene ausstrahlt. Karla bewegt sich auf den verschiedenen Ebenen, deshalb habe ich sie nach ihrer Wahrnehmung der Unterschiede gefragt.

„Es gibt für mich schon ziemlich spürbare Unterschiede. Auf Diözesanebene wird politisch über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert, alle versuchen gendergerechte Sprache zu nutzen und sich auch im Handeln gleichberechtigend zu zeigen. Das merkt man doch sehr deutlich. In den Konferenzen sind häufig KjGler*innen, die sich viel mit dem Thema auseinandersetzen, und somit ist auch eine höhere Sensibilität für Geschlechtergerechtigkeit da. In meiner Region und in meiner Pfarrei ist Geschlechtergerechtigkeit aber auch immer wieder ein Thema und aus den Konferenzen und Angeboten der Diözesanebene nehmen wir Impulse mit. Wir kennen uns teilweise alle sehr lange und viele sind schon seit Jahren befreundet. Ich denke durch die persönlichen Beziehungen ist Geschlechtergerechtigkeit nicht so häufig ein Thema, sondern einfach selbstverständlich. Trotzdem achten wir darauf, dass Aufgaben und Ämter gut aufgeteilt werden. Wichtig für mich persönlich ist, dass wir immer weiter daran arbeiten. Dabei ist uns die Diözesanebene eine gute Stütze. Außerdem ist es hilfreich, starke weibliche Vorbilder zu haben und diese sehe ich auf jeder Ebene unseres Verbandes.“

Neben den vielen Fortschritten in Bezug auf Haltung und Strukturen leben wir in der KjG aber natürlich nicht in einer vollkommen geschlechtergerechten Blase. Geschlechterrollen sind tief in der Gesellschaft verankert, prägen unsere Sozialisation und lassen sich nicht einfach durch Beschlüsse auflösen. Auf Diözesanebene konnten wir, beispielsweise im Rahmen unseres Genderchecks auch ganz gezielt, immer wieder beobachten, wie selbstverständlich diese Rollen ausgefüllt werden. Auch diesbezüglich habe ich Karla nach ihren Erfahrungen aus der Pfarrei-Arbeit befragt.

„Ich bin schon seit meiner Kindheit Mitglied in meiner Pfarrei und finde, wir haben im Vergleich zu früher sehr gute Fortschritte gemacht.  Wenn ich so an meine Kindheit in der KjG zurückdenke, sehe ich (nachträglich) viele sehr klischeehafte Rollen- und Aufgabenverteilungen. Im Zeltlager von unserer Pfarrei war die Aufgabenverteilung früher sehr „klassisch“ und es wurde nicht viel drüber nachgedacht. Die männlichen Leiter gingen regelmäßig Holz sammeln, Holzhacken, Bannermast aufstellen und die weiblichen Leiterinnen haben sich viel um die Küche und die Kinder gekümmert. Fast schon erschreckend, wie selbstverständlich das früher auch für mich war. Doch seit einigen Jahren läuft es bei uns in der Pfarrei doch deutlich anders. Aufgaben und Rollenverteilungen sind unabhängig vom Geschlecht. Dazu habe ich eine sehr schöne und auch irgendwie befreiende Erinnerung. Vor ein paar Jahren haben wir weiblichen Leiterinnen im Zeltlager beschlossen, dass wir den Bannermast aufstellen wollen (ohne zu fragen, einfach machen). Den Bannermast aufstellen und unsere Banner am Baumstamm hochzuziehen, ist in unserer Pfarrei eine sehr wichtige Aufgabe und wird feierlich zelebriert. Alle Kinder und Leiter*innen versammeln sich und singen während der Bannermast (ein riesiger und schwerer Baumstamm) aufrecht in ein Erdloch gestellt wird und dann wird das Banner hochgezogen im Sinne von >jetzt sind wir hier<. So schnell wie in diesem Jahr war der Bannermast noch nie aufgestellt und wir Leiterinnen haben uns richtig gut gefühlt. Für mich persönlich und auch für alle anderen Leiterinnen, die mitgemacht haben, war das ein sehr aufrüttelnder Moment, der uns wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Mittlerweile stellen wir immer zusammen den Bannermast auf, gehen Holz sammeln und hacken, kochen und kümmern uns um die Kinder.  Alle Leiter*innen machen alles gemeinsam – ohne geschlechtermäßige Aufteilung.“

Zum Abschluss hat Karla auch nochmal das Thema Parität aufgegriffen und erzählt, dass in der Pfarrei und der Region immer auf die paritätische Besetzung aller Ämter und Gremien geachtet wird. Wenn das nicht klappt, müsse eben geschaut werden, woran es liegt (genauso, wie Annette es auch schon in den 90ern argumentiert hat).

Und in Zukunft?

Geschlechtergerechtigkeit wird ein wichtiges Thema bei der KjG bleiben und sich weiterentwickeln. Im Gender-Referat sehen wir für die Zukunft zwei prägende Handlungsfelder. Geschlechtergerecht sind wir nur, wenn alle Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt werden und wir das binäre System der Kategorien Mann und Frau erweitern. Dafür schaffen wir mit der Anpassung der Satzung gerade die Voraussetzung in den Strukturen. Wie Annette es schon gesagt hat, kommt es aber vor allem auch auf Bewusstseinsbildung durch Bildungsangebote an, auch daran wollen wir zukünftig arbeiten.

Darüber hinaus wollen wir einen Fokus auf Geschlechterrollen legen, dafür sensibilisieren, diese zu erkennen und zu benennen. Wir wollen breitere Erfahrungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche bieten, sie ermutigen und unterstützen, sich losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen zu entwickeln. Wie Annette es gleich zu Anfang benannt hat und wie auch Karlas Erzählung über den Bannermast zeigt, ist die KjG genau der richtige Ort, um solche positiven Erfahrungen zu machen.

Wie nachhaltig diese Erfahrungen prägen, kann man ebenfalls gut an Annettes weiterem Werdegang ablesen. Nach ihrer Zeit als hauptamtliche Diözesanleiterin war sie Referentin für Mädchen- und Frauenarbeit beim CAJ-Bundesverband, hat mit einem Schwerpunkt auf weibliche Sozialisation promoviert und später auch ein Buch veröffentlicht, in dem es um Frauen in Führung im Sozial- und Gesundheitswesen geht. Inzwischen setzt sie sich ebenfalls mit dem Themengebiet Rassismus auseinander und lehrt als Professorin an der Katholische Hochschule in Köln.

Rückblickend sagt sie: „Die ganze Genderthematik war immer mit einem starken Veränderungswillen aber auch mit Widerständen verbunden. Mit und an solchen Widerständen zu arbeiten, macht mir wirklich Spaß! Ich würde fast sagen, dass ich ein Fan von solchen Gerechtigkeitsthemen geworden bin. Inzwischen gibt es auch gesellschaftlich eine größere Bereitschaft etwas zu verändern und die KjG ist ein toller Ort um daran zu arbeiten.“

-Ramona Krämer

 

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