Themenspezial

Drei Frauen – drei Fragen

Ich habe drei Frauen, die aktiv in der katholischen Kirche sind, zur Geschlechtergerechtigkeit, Hierarchie und Zukunftsvisionen befragt.
Christiane Florin ist Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Außerdem ist sie Autorin der Bücher „Der Weiberaufstand“ (2017) und „Trotzdem. Wie ich versuche, katholisch zu bleiben“.
Simone Schnepper ist Lehrerin für katholische Religion und Sozialwissenschaften. Sie ist in verschiedenen Bereichen innerhalb der KjG aktiv, u.a. geistliche Leitung der KjG Rheinbach.
Maria Mesrian ist Theologin und Sprecherin von Maria 2.0., eine Reforminitiative, die 2019 in Münster gegründet wurde und sich für umfassende Gerechtigkeit in der katholischen Kirche einsetzt.
Strukturwandel = Mentalitätswandel?! Ist die verordnete Frauenquote von 30% bis 2023 in der der katholischen Kirche ein echter Wandel oder ein lascher Kompromiss?

Christiane Florin: Die Frauenquote ist ein großer Schritt für die Bischöfe, aber ein kleiner für die Menschheit. In der katholischen Kirche gibt es keine Gleichberechtigung, weiterhin weisen Männer Frauen die Plätze zu und nun sind einige Herren etwas gönnerhafter. Es verändert sicherlich im Alltag einer bischöflichen Verwaltung einiges, wenn dort, wo früher Männer unter sich waren, Frauen mitentscheiden. Es ist aber kein Ersatz für die Änderung der Lehre zur angeblichen Wesensart der Geschlechter und auch kein Ersatz für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Gender. Bisher gilt ja immer noch: Gleichberechtigung ist Gleichmacherei und damit unkatholisch.

Simone Schnepper: Ich empfinde die Quote eher als Kompromiss als dass das Engagement der Frauen wirklich anerkannt wird. Im Ehrenamt habe ich die Wahrnehmung, dass mehr Frauen engagiert sind – das kann natürlich auch an meiner bubble liegen.

Maria Mesrian: Solange Leitungskompetenz an die Weihe geknüpft ist, ist die Frauenquote ein lascher Kompromiss. Führungspositionen für Frauen in der Kirche sind keine Positionen, in denen Frauen umfassend Leitung wahrnehmen können. Denn es gilt in der katholischen Kirche das eherne Gesetz: ein geweihter Mann hat immer das Sagen. Würde diese Tatsache abgeschafft, dann kann eine Frauenquote sinnvoll sein.  Und selbst dann bleibt das Problem der strukturellen Diskriminierung. Frauen sind nicht gleichberechtigt. Sie haben keinen Zugang zu Ämtern. Das ist ein grundlegendes, zutiefst ungerechtes Problem, dass es immer mehr Frauen schwer macht, überhaupt in der Kirche arbeiten zu wollen. Denn wer möchte schon seine Grundrechte an der Kirchentüre abgegeben?

Was empfinden Sie als größeres Problem innerhalb der katholischen Kirche: Die Hierarchien oder dass nicht alle Geschlechter an diesen Hierarchien teilhaben können?

Christiane Florin: Hierarchien empfinde ich nicht als Problem, wenn damit klar ist, wer was entscheidet und wer für diese Entscheidung rechenschaftspflichtig ist. Die katholische Hierarchie aber gaukelt vor, dass die Herren an der Spitze – Papst, Präfekten, Bischöfe – verantwortlich sind. Wenn es schwierig wird, dann sagen eben diese Hierarchen: Ich war’s nicht. Beispiel: Joseph Ratzinger war Papst und Präfekt der Glaubenskongregation – die Spitze der Spitzenämter also. Befragt nach seiner Verantwortung für die Vertuschung massenhafter sexualisierte Gewalt, erklärt er: Ich war’s nicht, es waren die 68er. Katholische Hierarchie ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Dass es Nicht-Männern unmöglich ist, in bestimmte Etagen der Hierarchie aufzusteigen, ist Diskriminierung. Beides ist ein Skandal: Die Verantwortungslosigkeit und die Diskriminierung.

Simone Schnepper: Alteingesessene Hierarchien und das Ausnutzen von Machtpositionen empfinde ich generell als problematisch. Diese Wahrnehmung ist bei mir unabhängig vom Geschlecht der Person.

Maria Mesrian: Beides ist problematisch. Hierarchien wie wir sie in der römisch katholischen Kirche kennen sind gefährlich. Die Kirche kennt keine Gewaltenteilung. Sie verharrt im Modell einer absolutistischen Monarchie. Alle Macht geht vom Ortsbischof und auf Weltebene vom Papst aus. Der Zugang zur Macht ist nur geweihten Männern vorbehalten. Die Gefahr einer Negativauslese besteht. Außerdem wird die Macht nicht kontrolliert: Macht wird zur Willkür. Das erleben wir gerade auf vielen Ebenen in der Kirche. Die Tatsache, dass viele Hauptamtliche in Köln von Angst sprechen, ihre Meinungen erst zaghaft öffentlich machen, ist ein Kennzeichen autoritärer Regime. Nur auf Druck der Öffentlichkeit hin wurde zum Beispiel Pfr. Koltermann aus Dormagen nach seiner öffentlich geäußerten, konstruktiven Kritik nicht “bestraft”. Das war nicht immer so und erklärt das Schweigen so vieler Priester und Hauptamtlicher.

Zukunftsvision: Wie wird Kirche 2050 für Frauen und alle anderen Geschlechter sein?

Christiane Florin: Ich wünsche mir, eine weltumspannende Institution wie die katholische Kirche sich an die Seite der Unterdrückten und Diskriminierten stellte, dass sie eine Stimme ist, die angeblich natürliche oder gottgegebene Ordnungen erschüttert im Namen der Gerechtigkeit. Gleichberechtigung der Geschlechter ist kein Anliegen westlicher Luxusweibchen, es ist eine Vision weltweit. Aber bisher schlägt sich die Kirche auf die Seite der Patriarchen dieses Planeten, die tonangebenden Hierarchen finden es attraktiv, Männlichkeit zum Markenkern zu erklären. Damit kann die Institution sicherlich überleben, allerdings überlebt sie dann um ihrer selbst Willen: außen hart, innen hohl.

Simone Schnepper: In meiner Vision haben wir gelernt, allen Menschen Anerkennung und Dank zu schenken, die sich für uns und für Kirche engagieren. Das Engagement jedes Menschen wird gewürdigt und nicht als selbstverständlich betrachtet.

Maria Mesrian: Die Kirche wird entweder geschlechtergerecht sein oder sie wird zu einer bedeutungslosen Sekte zusammenschrumpfen. Denn eine Kirche, die nicht auf die Zeichen der Zeit hört, kann nicht mehr lebendig Zeugnis von der Frohen Botschaft geben. Was wir gerade erleben ist eine Zeitenwende. Die Gläubigen ermächtigen sich und erkennen ihre Verantwortung als mündige Katholikinnen und Katholiken. Sie stehen laut gegen Unrecht auf und erschließen sich neue Räume, um ihren Glauben zu leben.

Herzlichen Dank für die Antworten!

– die Fragen stellte Sophie Duczek

 

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