Themenspezial

Care-Arbeit: Das bisschen Haushalt

Putzen, aufräumen, einkaufen, Kinderbetreuung: An wen denkst Du, wenn Du an klassische Aufgaben im Haushalt denkst? Frauen!? Das starre Bild der 50er Jahre ist heute – rund 70 Jahre später –  immer noch aktuell und in vielen Köpfen. Aber warum ist das so?

Männer nehmen Elternzeit, spielen in Waschmittelwerbung mit, sind Schirmherren für Spülmittel, Sterne-Köche und Einkaufsexperten. Dennoch ertappe ich mich selbst dabei, Frauen mit Care-Arbeit zu verknüpfen.

Früher – da war doch alles einfach und besser!?

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Frauen zwar arbeiten, aber nur in Teilzeit. In der Männer einen Vollzeitjob haben und Frauen den Haushalt schmeißen. Unbezahlt! In a man´s, man´s world. In der Frauen in der Küche stehen und Männer am Tisch sitzen. In der weibliche Werbefiguren weiße Wäsche waschen und Männer schnelle Autos fahren. In der Frauen trösten, umsorgen und kümmern – Männer bezahlen. Klare Rollenverteilung: Frauen arbeiten im Haushalt, Männer gehen arbeiten. Früher war das so: Tradition!

Bei mir im Zimmer wohnten Barbie, My little Pony, Polly Pocket und eine Batterie an Kuscheltieren und Puppen, die darauf warteten gekämmt, gepflegt und umsorgt zu werden. Ich wuchs mit Disneyfilmen auf, in denen der Erfolg weiblicher Heldinnen nur auf deren gesellschaftliche Stellung und ihrer Attraktivität basierten. Ihre Hauptaufgabe: lieben und heiraten. Ähnliche Muster finden sich in Märchen und klassischen Kindergeschichten: Die weibliche Hauptfigur wird durch eine männliche, starke Figur gerettet! Rotkäppchen, die ihr Leben dem mutigen Jäger zu verdanken hat, Schneewittchen und Dornröschen, die nur mit dem Kuss eines Edelmannes wieder zum Leben erweckt werden. Aschenputtel kann sich aus ihrer zerrütteten, familiären Situation nur durch die Ehe mit einem Prinzen befreien. Weibliche Rollenvorgaben. Als Hörspielfan liebte ich TKKG: eine Kindergang mit einem Hauch von Action und Krimi. Schon im Intro wird geschmettert: „Tarzan ist der Kopf des Ganzen, Karl lässt schnell die Fakten tanzen, Klößchen ist ein guter Typ, Gabi hat den Tarzan liiiiiieeeb!“ Auch hier: Mädchen sind keine Anführerinnen, sondern Freundin, Tochter – schön und tierlieb.

In der Schule sprachen wir über Einstein, Martin Luther King, Goethe und Beethoven, aber nie über Harriet Tubman, Junko Tabei, Rosalind Franklin, Marie Curie, Katherine Johnson, Ada Lovelace oder Malala Yousafzai. Unsichtbare Frauen in der Gesellschaft – zu mindestens damals.

Zu meiner Jugendzeit war Großcomedy von Mario Barth auf allen Kanälen: Frauen können nicht Autofahren, lieben Handtaschen und wollen immer nur quatschen. Und Mario Barth litt für alle Männer. Weeste Bescheid! Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören. Ein Naturgesetz. In den großen Samstagabendshows wurde Frauen in wallender Abendgarderobe immer nur als wunderschön vorgestellt und am Ende der Sendung mit Basketballgroßen Blumensträuße verabschiedet. Unterschwellig wurden hier immer wieder normierte, weibliche, Charaktereigenschaften und Verhaltensmuster propagiert: schön, schwach, unselbständig.

Ich bin damit großgeworden. In einer Gesellschaft sozialisiert, in denen Frauen im Teilzeitjob arbeiten und für Kinder und Haushalt zuständig sind. In denen Frauen nicht am Steuer sitzen und kaum auf Cheffinnensessel. Eine Gesellschaft mit wenig weiblicher Perspektive. Eine Gesellschaft, die das Bild von schönen Power-Frauen, Working-Mums und Super-Women stilisiert und damit Frauen meint, die sich um alles kümmern: Job, Haushalt und Kinder. Aber bitte ohne Burn-out. Eine Gesellschaft, die vieles verpennt hat und sich heute immer mehr mit weiblicher Altersarmut beschäftigen muss.

Obwohl ich aufgeklärt bin und mir all das bewusst ist, gibt es immer mal wieder Momente, in denen ich rückfällig werde. In denen nachgebessert werden muss. Da denke ich z.B. auch an Frauen, wenn ich an Care-Arbeit denke. Da stehe ich am Tisch auf, um nachzuschenken. Es ist ein lebenslanges Lernen und sich stark machen: Für eine ehrliche Definition von Care-Arbeit. Weg von der Bagatellisierung, hin zu dem, was es wirklich ist: harte, unbezahlte Arbeit! Für geschlechtergerechte Sprache und Bilder. Eine Erziehung, in der es bunte Farbe und keine Mädchenfarben und Farben für Jungs gibt. Für die Abschaffung des Ehegattensplittings und eines einseitigen, verstaubten Finanzmodells, das Ungerechtigkeit schafft. Sich stark machen für gleiche und faire Bezahlung – geschlechtsunabhängig! Denn nur wenn die Bezahlung stimmt, haben Paare eine echte Wahl: Wer bleibt Zuhause? Wer kümmert sich um was und wen? Und nicht zuletzt für sich selbst stark machen: Den Mut zu haben gesellschaftliche Strukturen zu durchbrechen und es anders als die Eltern, Nachbarn und Freunde zu machen!

Und jetzt?

Ich lebe mit meinem Mann und drei Kindern zusammen. Rollenneutral. Jede*r macht das, was passt – unabhängig von zugeschriebenen Rollenbildern. Als wir unser erstes Kind im Studium bekamen, ist er geblieben, ich habe weiterstudiert. Weil es für uns passte. Meine erste Stelle nach dem Studium war eine Vollzeitstelle mit Reisen. Er blieb in Teilzeit. Das war für uns richtig, für einige andere nicht: „Will er denn keine Vollzeitstelle?“ Kopfschütteln! Er war es, den die Kita anrief, wenn was war. Der Notfallkontakt. Ich war im Büro. Wir haben das so entschieden. Auch im Alltag. Jeden Tag. Der Care-Arbeit ist keine Frage des Geschlechts, sondern eine Frage der Zeit, der Lust und der Kompetenz. Er lackiert den Kindern die Nägel, weil er es einfach besser kann, er bastelt Fensterbilder und backt Muffins mit Schokolinsen, die auch wirklich schmecken. Als unser ältestes Kind mit Fußball anfing, stand ich jeden Samstag bei Wind und Wetter am Spielfeldrand. Ich liebe Abenteuerspiele und bin immer Team Räuber bei Räuber und Gendarm. Mit dem dritten Kind ist nun mein Mann dran: Er hat seit einem halben Jahr eine Vollzeitstelle und ich arbeite aktuell in Teilzeit. Ich muss zugegeben, es ist mir am Anfang etwas schwergefallen, in Rollenklischees zu schlüpfen, die für uns eigentlich keine sind. Mehr Haushalt. Mehr Kinderbetreuung. Neben der Arbeit. Es ist unsere Entscheidung, weil es gerade passt. Und wenn mich manchmal doch kurz die Verunsicherung packt, bleibt unsere gemeinsame Steuerklasse 4 meine Versicherung.

-Sophie Duczek

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