Schwerpunkt

Wohin mit uns?

Seitdem im März verschärfte Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie öffentlich gemacht wurden, nahmen die Räume für Kinder und Jugendliche immer mehr ab.

Wir lassen das nochmal Revue passieren: Zunächst haben Kitas, Schulen und viele Einrichtungen der Jugendhilfe geschlossen, wie zum Beispiel Jugendzentren. Auch Spielplätze durften nicht mehr besucht werden, draußen durfte sich nur noch mit begrenzter Personenanzahl aufgehalten werden. Mitte April dann durften Schüler*innen nach und nach wieder zur Schule gehen, auch Jugendzentren durften wieder öffnen. Der Betrieb in den Kitas wurde wieder aufgenommen, öffentliche Räume wurden Stück für Stück wieder für größere Personengruppen geöffnet. Zum Winter hin erneute schärfere Maßnahmen: Schulferien beginnen früher, die Anzahl der Personenzahl im öffentlichen Raum wird wieder heruntergeschraubt.

Das alles und viele weitere Maßnahmen, die hier keine Erwähnung finden, sind für viele Erwachsene schon schwierig aus­zuhalten. Aber wie verhält es sich mit Kindern und Jugendlichen?

Der Raum, in dem sie sich seit Beginn der Pandemie bewegen können, wird immer kleiner. Zunächst begrenzt auf das Smartphone, die eigenen vier Wände und gelegentlich einen Spaziergang alleine. Mit der Öffnung der Schulen und Jugendzentren war die Freude groß: Es war wieder möglich, Freund*innen zu sehen, sich mit anderen Gleichaltrigen auszutauschen, nicht mehr allein zu sein. Und für viele Kinder und Jugendliche war es überhaupt wieder möglich, am Unterricht teilzunehmen – denn der fand, wenn überhaupt online statt, und in einigen Haushalten gibt es nach wie vor wenig bis keine Endgeräte oder keinen Internetanschluss (Und, mal ehrlich, habt Ihr schon mal versucht einer ellenlangen Online-Konferenz auf dem Smartphone zu folgen? Das hält niemand aus!). Das war übrigens nicht nur ein nationales, sondern ein internationales Problem, mit dem auch Länder wie China, Iran oder Mexiko zu kämpfen hatten. Ähnlich verhielt es sich mit den Angeboten der Jugendhilfe. Die Räume und Lebenswirklichkeiten von jungen Menschen geben der Kinder- und Jugendhilfe ihren Rahmen vor. So wurden Angebote geschaffen, die online stattfinden konnten: Sprach-Chat­räume, Koch- oder Bastel-Live-Streams mit Jugendzentren oder digitale Spielabende. Aber leider erreichen die Sozialarbeiter*innen immer noch vergleichsweise wenige Kinder und Jugendlichen, denn auch Smartphones besitzen nicht alle.

Um also auf die Öffnung von analogen Räumen zurückzukommen: Es gab endlich wieder eine Möglichkeit, sich mit Menschen zu treffen, Wünsche und Ängste auszutauschen oder eben einfach nicht mehr nur an einem Ort sein zu müssen. Die Schule ist inzwischen ein sehr positiv besetzter Ort, einige Kinder freuen sich vor allem über ein bisschen Rückkehr zur Normalität. Auch die Jugendzentren sind zu einem wichtigen Raum geworden, denn dort finden Kinder und Jugendliche nicht nur Unterstützung bei schulischen Schwierigkeiten, die Sozialarbeiter*innen haben auch ein offenes und aufmerksames Ohr bei familiären Problemen. Ein wichtiger Faktor, denn über einen so langen Zeitraum mit der Familie auf einem so kleinen Raum leben zu müssen, mag nicht nur anstrengend sein, es kann für einige Kinder und Jugendliche auch gefährlich werden, wenn Gewalt in der Familie eine Begleiterin ist. Sicherlich nichts Neues für die Jugend­verbandswelt, dennoch wird wieder einmal folgendes ganz deutlich: Kinder und Jugend­liche brauchen einen Raum, in dem sie ihre Interessen verfolgen können, in dem sie ihre Ängste und Wünsche ohne Wertung äußern und in dem sie sich geschützt bewegen können. Und dank dem Zusammenspiel von Sozialarbeiter*innen und ehrenamtlichen Jugendverbandler*innen waren und sind sicherlich viele junge Menschen an einem solchen Ort. Wichtig dabei ist, dass niemand auf der Strecke bleibt – das dürfen wir, die wir Sprachrohr für Kinder und Jugendliche sind, nie aus den Augen verlieren.

Es ist also an Euch, an uns: Nicht aufzu­geben, für Kinder und Jugendliche weiterhin da zu sein, ihren Wünschen und Ängsten gegenüber Politik und Gesellschaft Ausdruck zu verleihen! Projekte zu starten, in denen all das Platz findet. Es ist an der Politik, sich endlich sichtbar und kompromisslos für junge Menschen einzusetzen, um ihnen eine Perspektive bieten zu können, um ihnen Räume zu schaffen, um anzuerkennen, wie wichtig sie als Teil der Gesellschaft sind. Es ist an uns allen, an jungen Menschen, an alten Menschen, es ist an uns als Gesellschaft, ganzheitlich zu denken und nicht außer Acht zu lassen, dass es unterschiedliche Zugänge für Kinder und Jugendliche geben muss, um so viele wie möglich zu erreichen und niemanden aus dem Blick zu verlieren.

Es geht darum, loszulegen, für Kinder und für Jugendliche, und zwar am besten gestern – also, worauf wartet Ihr?

— Ina Neumann

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