Schwerpunkt

Ich bleibe positiv.

An einem Montagabend Ende März telefoniere ich mit Julia. Sie ist seit über 30 Jahren Deutschlehrerin an einer ukrainischen Schule und lebt mit ihrem Mann Andrej in Saporishshja, einer Industriestadt im Osten der Ukraine. Dort wohnt sie in einer Wohnung in einem der für die ehemalige Sowjetunion typischen Hochhauskomplexe und fußläufig entfernt von der Schule, in der sie arbeitet. Wir kennen uns aus meiner Zeit, als ich für sechs Monate als Praktikant an ihrer Schule gearbeitet habe.
Zu Beginn unseres Videotelefonats kann ich nur Julias Gesicht vor dunklem Hintergrund in kleinem Lichtschein erkennen. Am Abend dürfen in der Ukraine keine Lichter mehr angeschaltet werden und alle Bewohner*innen des Landes sind dazu verpflichtet worden, die Fenster abzukleben und zu verdunkeln, um kein Ziel für Raketen­angriffe bieten zu können.

 

 

Julia, wie ist es gerade in Saporishshja?
Es scheint, ein ganz normales Leben zu sein. Die Sonne scheint, alles funktioniert. In der ersten Woche des Krieges war es ein Schock: Man konnte kein Geld abheben, aber in wenigen Tagen wurde alles geregelt. Wir können zur Arbeit gehen und einkaufen. Aber es gibt verschiedene Einschränkungen.

Welche Einschränkungen sind das?
Im Supermarkt gibt es zwar das Wichtigste, auch in den Apotheken. Aber es gibt nicht alles und man muss lange anstehen. Die Regale im Supermarkt sind halbleer, aber Milchprodukte, Eier und Gemüse gibt es. Außerdem schließen die Geschäfte um 17.00 Uhr.

Und wie ist es gerade in der Schule?
Es findet kein Unterricht statt. Die Schüler*innen sind alle bei ihren Eltern. Einige sind im Ausland, andere irgendwo in der Ukraine, die meisten aber in der Stadt. Wir haben alle Materialien und Technik in der Schule versteckt und
auch dort die Fenster ab­geklebt.

In der Schule ist alles darauf vorbereitet, dass wir dort Flüchtlinge betreuen. Da wir am Stadtrand liegen, sind bei uns bisher noch keine angekommen. Alle Lehrer*innen müssen reihum beim Sammelpunkt für Spenden helfen.

Wie viele Flüchtlinge sind aktuell in Saporishshja?
Zur Zeit befinden sich über 46.000 Flüchtlinge auf dem Gebiet der Stadt, mehr als 12.000 davon sind Kinder. Sie kommen aus Donezk, Lugansk, Mariupol und auch aus unserem Stadtgebiet.

Kann man gerade aus Saporishshja ausreisen?
Ja, das geht. Es gibt Checkpoints der ukrainischen Armee, dort wird z.B. das Auto untersucht und kontrolliert. Man kann auch mit dem Zug fahren, beispielsweise nach Kiew. Das ist aber gefährlich, es gibt Berichte darüber, dass diese Züge beschossen werden.

Gerade in der Ost-Ukraine gibt es viele Familien, die sowohl russische als auch ukrainische Wurzeln haben. Wie erlebst Du, was dieser Konflikt mit diesen Familien macht?
Das ist natürlich von Familie zu Familie unterschiedlich. Ich gebe Dir ein Beispiel: Meine Schwiegermutter hat Verwandte in Moskau, die eigentlich pro-ukrainisch sind. In den letzten Monaten haben sie aber gar nicht über den Krieg und den Konflikt gesprochen, sondern beispielsweise über das Wetter oder über ihre Gesundheit und das Thema ausgeblendet.

Ich habe ehemalige Mit­schüler*innen, mit denen ich keinen Kontakt mehr habe. Leider streiten sich auch viele. In Russland wird im Fernsehen gesagt, dass die Ukraine von Nazis befreit wird und keine Zivilist*innen beschossen werden. Wenn ich sage, dass ich das Gegenteil mit eigenen Augen sehe, gibt es einen Konflikt. Für mich und meine innere Energie ist es besser, dann nicht zu kommunizieren, anstatt zu beweisen, dass es so ist.

Weißt Du, ich habe so etwas noch nicht erlebt. Ich habe mehrere Revolutionen mitbekommen, aber keinen Krieg. Aber: Ich bleibe positiv. Das ist meine Lebenseinstellung.

Was ist der Plan von Dir und Andrej, sollte das russische Militär nach Saporishshja kommen?
Wir fahren weg. Eigentlich nach Lviv, aber das wurde auch bombardiert. Im Notfall: weiter.

— Das Interview führte Kai Regener

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